Material: Öl auf Leinen unter der Verwendung von reinen Pigmenten
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georgyporgy
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Katalog 2011
"Double One One"
Introduktion: Dr. Christine Vogt, Direktorion der LUNDWIGGALERIE
Schloss Oberhausen

Katalog 2008
- des bildes gewollter sinn, erkenne und handle -
Introduktion : Colmar Schulte-Goltz, Kunsthistoriker und Kurator zu Essen

Katalog 2007
- Du bist das Bild-
Indroduktion: Dr. Helmut Orpel / Kunsthistoriker u. Fachjournalist zu Mannheim

Katalog 2006 - in statu nascendi -
Introduktion: Dr. Helmut Orpel / Kunsthistoriker und Fachjournalist zu Mannheim

KATALOG 2005
- Essenz -
Introduktion : Dr. Gottlieb Leinz, Stellvertretender Direktor und Kustos des
Wilhelm Lehmbruck Museum zu Duisburg

Introduktion der Kataloge 2005-2011:

2011
Farbe und Geheimnis
Die Bildwelten Philipp M. Günthers

Die Farbe ist das dominierende Ausdruckmittel in der Malerei Philipp M. Günthers. In vielen Schichten aufgetragen, die Pigmente häufig zu einer reliefartigen Oberfläche verdichtet, zeigt sich die hohe Konzentration dieser Malerei jedoch erst in ihren Tiefen. Die Intensität, mit der Günther die Bilder erarbeitet, die Zeitigkeit, die er in die Schichten, die wie archäologische Fundorte anmuten können, hinein gibt, verlangt er auch dem Betrachter ab. Kein schnelles Erfassen ist in diesen Bildern möglich, sondern ein langsames Hineinsehen, Hineindenken, Hineinfühlen ist notwendig. Das Sezieren der Malschichten mit dem Blick, das Erfassen der visuellen Erscheinung und dem immer zugehörigen Titel durch das Hirn und das Empfinden, das sich bei diesem Prozess einstellt, ist die Herausforderung, die dem Betrachter gestellt wird.
In Double One One wird dieser Vorgang intensiviert, denn gleich zwei zu einer Einheit zusammengefügte Leinwände ergeben das Gesamtwerk. Rot, als Farbe, die den Maler schon seit vielen Jahren in ihrer Intensität und ihrer breiten Assoziationskette interessiert, spielt eine zentrale Rolle und wird in der sechsteiligen RotRot-Serie in ihrer Varianz befragt. Dabei erstaunt nicht nur, dass Günther diverseste Rotabstufungen auf die Leinwand bringt, sondern vor allem die unterschiedliche Haptik der Oberflächen. Durch die Schichtungen gelingt es ihm, von glattem oder sogar nahezu glänzendem Abschluss bis zu einer Art Erdigkeit zu kommen. Strukturen und Verletzungen prägen darüber hinaus die monochrome Zweiheit. Hier ist der Einstieg ins Bild gefragt, der sich nahezu ausschließlich vor dem Original bewerkstelligen lässt und der, lässt man sich auf den Dialog ein, schließlich das Geheimnis und damit die eigentliche Aussage des Bildes enthüllt.
Es ist immer die Serie, in der Günther arbeitet und auch bei Double One One ist dies der Fall. Dabei zeigt sich innerhalb der Serie eine große Bandbreite. Neben der Rothäufung sind diverse Farbnuancen vertreten. Der vordergründige Titel gibt diese Farbigkeiten an, wobei die Gemälde noch über einen weiteren Titel verfügen, der die Inhaltlichkeit bezeichnet. Philipp M. Günther überlegt zunächst diesen inhaltlichen Moment, greift dann zu Pinsel oder Spachtel und beginnt das Thema in das Bild hineinzuarbeiten. Neben Naturereignissen (Starker Wind kommt auf) ist es die kritische Auseinandersetzung mit politischen wie sozialen Themen (Zwei Welten, Demokratie bahnt sich ihren Weg), den Menschen (Big Mama, Alter Ego) oder auch philosophischen Ansätzen (Was war, was ist, was sein sollte). Es ist bemerkenswert, wie er hier Figuration und Abstraktion zusammenbringt. Scheinen die Bilder auf den ersten oberflächlichen Blick reine Farbmalereien zu sein, geben sie bei näherem Betrachten – der Forderung des Malers – Figuren oder Räumlichkeiten, Strukturen oder Bäume und vieles andere mehr frei. Das Öffnen von Assoziationsräumen ist hier wichtig. Dabei spielen die Lichtverhältnisse eine zentrale Rolle. Günthers Werke brauchen Tageslicht, um ihre Farbintensität wie ihre Geheimnisse richtig entfalten zu können. Mit der unterschiedlichen Lichteinstrahlung über den Tagesverlauf genau wie über den Jahreszyklus verändern sie ihr Gesicht. Es ist wie bei den mittelalterlichen Glasfenstern der Gotik, die ihr raffiniertes Farbspiel durch die sich wandelnden Lichtverhältnisse erst entfalten können und auch nur so die in ihnen dargestellten Geschichten preisgeben. Selbstverständlich sind Günthers Malereien im Gegensatz zur Glaskunst opak, doch gilt genau diese Enthüllung eben auch für die Double One One. Und wenn sich der Inhalt im Zusammengang mit dem Farbspiel dann erschließt, bietet dies dem Betrachter einen emotionalen wie rationalen Erkenntnisgewinn. In diesem Sinne erscheinen die Arbeiten von Philipp M. Günther wie ein kleines gemaltes Stück Philosophie.

Dr. Christine Vogt
Direktorin LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen




2008

Per aspera ad astra! Zu den Arbeiten von Philipp Maria Günther
Kraftvoll, dynamisch, in ihrer prägnanten Erscheinung ästhetisch mitunter an spirituelle Objekte erinnernd – so präsentieren sich die Arbeiten von Philipp Maria Günther. Seine Gemälde und Skulpturen, erschließen nicht nur das individuell-künstlerische Spektrum des 1952 in Gotha geborenen Malers und Bildhauers, sondern offenbaren gleichzeitig auch seine intensive innovative Auseinandersetzung "mit dem Fremden in anderen Kulturen" und der Geistesgeschichte des Abendlandes. Die Summe zahlloser Impulse verdichtet Günther zu vielschichtigen, emotional ergreifenden Arbeiten. Das markanteste Merkmal von Philipp Maria Günthers Schaffen ist dabei das – konzeptionelle und formale – Arbeiten mit Schichten, die er in vielen Techniken versiert, mit Hilfe von Farbmaterie auf der Leinwand aufbaut.
Schichten als Erlebnis- und Erkenntnisebenen, Sinnbilder, die man im wahrsten Sinne „begreifen“ kann: in Philipp Maria Günthers Malerei und auch in seinen Großskulpturen findet sich beides. Philipp Maria Günther ist kein Mann für halbe Sachen, was er anfängt, macht er richtig, mit eindrucksvoll zupackender, authentischer, künstlerischer Energie, die sich anregend auf die Betrachter seiner Arbeiten überträgt.
Philipp Maria Günthers Schaffen ist eindrucksvoll in seiner Vielschichtigkeit, seine realistischen Darstellungen, seine ins abstrakte tendierenden Figurationen und seine ganz abstrakten Arbeiten haben unabhängig von einander Bestand und sind authentische Zeugen seines künstlerischen Weges. Günther liebt die Entwicklung und will sich nicht auf der Anerkennung für seine abgeschlossenen Werke ausruhen, die er in seinen zahlreichen Ausstellungen oder durch die Präsentationen seiner Arbeiten auf internationalen Kunstmessen erfahren hat.
Ö
Innerhalb der hier vorgestellten Arbeiten sind verschiedene Werkgruppen voneinander zu unterscheiden, in denen die stringente, empirische Arbeitsweise Günthers erkennbar wird, wenn er sich in serieller Arbeitsweise mit allen Facetten eines künstlerischen Problems beschäftigt.
Die Serie der abstrakten roten Arbeiten, deren genaues Farbspiel sich so schwer reproduzieren lässt, ist dem Künstler besonders wichtig. Die Serie ist ganz der atmosphärischen Auslotung des Raums mit nicht perspektivischen und nicht illusionistischen Mitteln gewidmet. Arbeiten wie „Irrweg“; oder „Die, die im Schatten stehen“ sind wie ein Vermächtnis des Künstlers an die Rezipienten seiner Bilder zu sehen. In der Arbeit „Irrweg“ überlagern sich diverse Farbschichten zu einem deckenden Gefüge aus kraftvollen Rottönen. Im gleichmäßig, rau strukturierten Grund, der an die schrundige Struktur von Rost erinnert, sind kleinere und längere vertikale Partien in dunkleren Farbstellungen zu entdecken, die zum Teil nur schemenhaft bleiben oder wie mühsam heilende Wunden wirken. Es sind die „Irrwege“, die sich zum konkreten künstlerischen Schaffen des Künstlers genauso in Beziehung setzten lassen, wie abstrakt auf das Leben und seine Entwicklungen im Allgemeinen.
Diese Serie ist in Anlehnung an die griechische Lehre von der „Katharsis“ als Werkreihe über die Entwicklung des Individuums angelegt. Günther inszeniert keine sinnlichen Begebenheiten, sondern schafft eine Urbildhafte Malerei, sie deutet den Betrachtern an, wohin es gehen könnte. In ihrer ahnungsvollen Qualität führen die Arbeiten die Betrachter zu eigener Imaginationskraft.
Ö
Besonders ahnungsvoll wirken die dunkleren, angedeuteten Figurationen der Arbeit „Die, die im Schatten stehen“. Für die, die nicht so selbstverständlich auf der Sonnenseite des Lebens stehen, wie der erfolgreiche Tatmensch Günther selbst, hat er als Mensch große Sympathie. Den „richtigen Weg“ zu beschreiten, sich im Leben für die richtigen Menschen und die besten Möglichkeiten der Selbstentfaltung zu entscheiden, treibt den Künstler, wie viele reflektierte, Intelektuelle um. In der Arbeit „Innehalten“, mit den Aufbrüchen und farblich differierenden Rudimenten vorheriger Malereischichten bespiegelt er besonders prägnant den Katharsis-Gedanken, der um die Selbsterkenntnis kreist.
Jedes Kunstwerk ist Ausdruck von Schöpfungskraft eines Individuums. Philipp Maria Günthers Arbeit „Evolution“ wirkt auf die Betrachter durch die optische Sensation seines Materiestrudels. Umgekehrt zieht seine Explosion, vom Energiezentrum ausstrahlend, mit seiner eruptiven Dynamik das ganze Format in seinen Bann.
Das Gemälde „Ober- und Unterwelt“ macht in seinen wolkig atmosphärischen Farbschichtungen die Arbeitsweise, wie auch das Werkverständnis von Philipp Maria Günther besonders plastisch deutlich. Einfache Zeichen, Striche und Kästchenkombinationen fügt er in „Mathematik“ zu einem Kunstgebilde zusammen. Farbe und Form sind gleichwertig verbunden und verdichten formal auf eindringlich-subtile Weise abstrakte und gegenständliche Elemente, durch den teils lasierenden oder opaken Farbauftrag erzeugt Günther eine Polarität von Raum und Fläche.
Geprägt von halbtransparenten Farbschichten, die die Betrachter förmlich anzuziehen scheinen, und Konturen, Linien und Strukturen, die sich zurücknehmen, um ihnen an anderer Stelle entgegenzudrängen, erschafft Günther mit seinen Gemälden einen Mikrokosmos zwischen Abstraktion und individuellem Symbolismus. Das Spiel mit den Urelementen und der intuitive Einsatz von Farbschichten sind hierbei bewusster Teil im Entstehungsprozess seiner meditativ wirkenden Arbeiten mit ihren häufig weichen, chromatisch abgestuften Farbwelten.
Der Suche nach dem richtigen Weg antworten im Oeuvre von Philipp Maria Günther Werke mit positiven Botschaften, die die Vereinbarkeit von scheinbaren Gegensätzlichkeiten zeigen. So haben die Extreme besonders in der Arbeit „Übermaß“ in die Harmonie einer friedlichen Koexistenz gefunden. Das gemauerte Werk aus verschiedenen rechteckigen Überlagerungen ist in perfekter Balance mit den halbüberdeckten Segmentbögen. Diese Arbeit erinnert in ihrer konzentrierten Kraft an die reifen abstrakten Köpfe des Expressionisten Alexej von Jawlensky (1864-1941). Günthers Gemälde „Viele Wege führen nach Rom“ ist vor dem Hintergrund der Lebensbestimmenden Sinnsuche ein Werk, in dem die Vielzahl der Zugangswege thematisiert wird. Kein Deutungsansatz kann in diesem ahnungsvoll uneindeutigen Bild, das an antike Fresken erinnert, besonders hervorgehoben werden, so wunderbar austariert ist das Gewebe der Farben und der Strukturen. Im Gemälde „Zusammenleben“ erscheinen die akzentuierten Rundformen als sympathische Gemeinschaft, die sich in aufsteigender, lebensbejahend, ja dynamischer Gemeinschaft vor dem Raster eines rechteckig-geometrischen Raumes organisiert hat.
„Zuversicht“ ist der Titel eines Gemäldes, in dem die Überlagerungen vieler Farbschichten mit ihren Erzählungen der unterschiedlichen Schichten auf die schlichte Schönheit von zwei Quadraten treffen. Diese kleinere Werkgruppe ruht in sich und ist gleichzeitig voller impulsiver Kraft, hier manifestiert sich zugleich Günthers Fähigkeit, die Möglichkeiten des Künstlers auszuschöpfen, und die Bildmittel subtil zu einem eigenen, authentischen Stil zu verdichten. Günthers Werke sind von vielschichtigem Wesen. Seine fesselnden Bildwelten erzählen in einer universellen, wie persönlichen Sprache von innerer und äußerer Wirklichkeit und den Werten des Lebens.


Colmar Schulte-Goltz, Kunsthistoriker und Kurator, Essen



2007


Sowohl die Empfindung als auch der Intellekt werden von diesen Bildern berührt

Es gibt nicht viele Zeitgenossen, die sich für philosophische Themen interessieren. Für philosophische Themen meine ich, nicht für populär aufbereitete Ratgeber mit Hilfsangeboten bei schwierigen Lebenslagen. Auch nicht für geschmäcklerische Alltagsweisheiten, wie sie sich hinter den Schlagwörtern „Unternehmensphilosophie“ oder Lebensphilosophie“ verbergen, deren Maxime man, je nach Bedarf oder Geschäftslage, von jetzt auf nachher ändern kann. Mit Philosophie meine ich tatsächlich die Frage nach dem Sein, die intellektuelle Anschauung der Welt, die Frage nach dem Vorhandensein einer göttlichen Urmonade oder nach dem transzendentalen Einen, dem höchsten Gut, dem absoluten Wissen, kurz, die Philosophie als „Hüterin des Seins“, wie es Martin Heidegger so treffend formuliert hat.

Menschen, die Philosophie in diesem Sinne verstehen, findet man, so ist zu vermuten, am wahrscheinlichsten an den philosophischen Fakultäten einer Hochschule. In Heidelberg, Freiburg oder Tübingen zum Beispiel. Aber die philosophischen Fakultäten machen heute wenig von sich reden, höchstens wenn sie von der Schließung bedroht sind. Man hört aus jenen Gefilden kaum etwas über die wirklich gravierenden Probleme der Welt. Um so erstaunter ist der philosophisch Interessierte, wenn er plötzlich und unerwartet in dieser geschäftigen Welt etwas über die Probleme der Philosophie zu hören bekommt. Und zwar dort, wo er es am wenigsten vermutet.

Mitten in einem Gewerbegebiet in Mülheim an der Ruhr, in einem Autohaus, in dem Automobile einer Marke verkauft werden, die in aller Welt als Statussymbol gilt, befindet man sich unvermittelt in einem Gespräch über die Monadenlehre von Leibniz versus der Vorstellung einer einzigen unendlichen Substanz (causa sui), die nur aufgrund ihrer Affektionen von der mens humana wahrgenommen wird.

Man sitzt in diesem Augenblick dem Chef des Hauses, Philipp M. Günther, gegenüber, der bereits an seinem zweiten Buch über die Grundlage der rationalistischen Philosophie schreibt und hier - zwischen seinen Luxuskarossen - nach dem endgültigen Gottesbeweis sucht. Noch erstaunlicher ist es, wenn man erfährt und mit eigenen Augen sieht, dass sich das Philosophieren hier nicht auf die Worte beschränkt, sondern tatsächliche Bilder hervorbringt, die durch ihre Ausdruckskraft überzeugen. Philipp M. Günther malt Bilder, die vom Geist getragen sind, der das eben abgeschlossene Gespräch durchdrungen hat.

Günthers Ausgangspunkt in der Malerei war zunächst der kritische Realismus. Von diesem Standpunkt gelangte er in den letzten Jahren immer mehr zu einer abstrakten Formensprache, die die ästhetisch-sinnliche Seite und sein inhaltliches Anliegen miteinander verband. Seine künstlerische Sprache wurde vielschichtiger und rätselhafter. Diese Vieldeutigkeit wirkt sich positiv aus, denn der Betrachter kann sich den Bildern Günthers nur wirklich nähern, wenn er sich vermittels seiner Fähigkeit zur Interpretation die Sinnhaftigkeit der Komposition erschließt. Auf diesen Grundlagen baut Philipp M. Günther auf. Mit seinen bildnerischen Möglichkeiten schafft er sich und somit uns Betrachtern einen Zugang zu der verborgenen Welt des Geistes. Mehr noch als die sprachlichen Metaphern dies vermögen, hilft uns die Metasprache der Malerei die Welt und somit uns selbst besser zu verstehen. Das Bild wird zum Mikrokosmos, zum Symbolbild für das Chaos der Erscheinung, hinter welchem der Künstler den wohldurchdachten Masterplan des Schöpfers vermutet.

Die Farbe ist in der Malerei der Stoff, die „materia prima“, die als Grundbaustein der sichtbaren Welt allgegenwärtig und dennoch unbegreiflich ist. Materie an sich ist nicht sichtbar. Sichtbar wird Materie in der wirklichen Welt einzig dadurch, dass wir sie über die Wahrnehmung die Vielfalt ihrer Erscheinungsform erkennen. Unter diesem Aspekt gesehen vollzieht sich in der Kunst ein nahezu parallel verlaufender Prozess. Der Künstler schafft dabei eigene Formen und wird in einem gewissen Sinne selbst zum Weltenschöpfer, zum Demiurg. An dieser Stelle gehen Philosophieren und Malen ineinander über und verschmelzen zu einer dynamische Einheit von Geist und Sinnlichkeit. Unterstrichen wird dies nicht zuletzt durch die Technik, die Günther anwendet, um zu seinen Bildern zu gelangen. Bereits bevor er tatsächlich zum Pinsel greift, entstehen Ideen, Skizzen und Pläne, ein intelligibler Vorentwurf also, der dann vermittels Farbe und Duktus einen sinnlich wahrnehmbaren Ausdruck erhält.

Dieser Vorentwurf manifestiert sich nicht zuletzt in den Bildtiteln, die bereits vor dem eigentlichen Arbeitsbeginn feststehen und die allesamt auf eine Sphäre hinter der sprachlich erfassbaren Welt verweist. Titel wie „Andacht“, „Dejá-vu“, „Ich gebe, damit du gibst“ oder schlicht „Nichts“ signalisieren, dass diese Dimension seiner Malerei vom Künstler bereits längst mitbedacht worden ist.

Mit Vorzeichnungen und Skizzen nähert er sich dem Kern seiner durch die Titel antizipierten Aussage und verleiht ihr in den folgenden Arbeitsschritten Gestalt. Am Arbeitstisch im Atelier entstehen zunächst Skizzen. Die Skizzen geben Auskunft über die Proportionen und Relationen, in welchen sich die einzelnen Partien des Bildes aufeinander beziehen. In dieser Phase der Bildfindung scheint nichts dem Zufall überlassen. Jeder Schritt wird wohl erwogen und trägt mit einer gewissen logischen Konsequenz den folgenden in sich. Und dennoch – die Idee und die materielle Substanz bleiben auch für Philipp Maria Günther zwei völlig verschiedene Welten, die nie vollständig ineinander verschmelzen.
Im eigentlichen Malprozess, der immer wieder von Phasen der Überarbeitung oder Umarbeitung begleitet wird, verändert sich die Form und wird mit jedem weiteren Schritt lebendiger. Das Bild gewinnt an Eigenleben und löst sich von dem ursprünglichen Willen seines Schöpfers. Diese Emanzipation vom ursprünglichen Willen ist hier ebenso wichtig wie die Leidensspuren, aufgrund derer sich die unterschiedlichen Arbeitsetappen bei der Komposition ablesen lassen. So ist ein Bild von Philipp M. Günther nie aus einem Guss, sondern trägt Verweise auf frühere Zustände in sich.

Obwohl das Philosophieren und das Malen für Philipp M. Günther zwei eng verwandte Künste sind, ist er dennoch kein „Ideenmaler“, dem die ästhetische Wirkung seiner Werke unwesentlich wäre. Große Sorgfalt verwendet er schon allein auf die Auswahl der Pigmente, die er zum Herstellen seiner Farben benötigt. Auf diese Weise entstehen Oberflächen, die sehr intensiv auf Licht reagieren und je nach Tageszeit anders auf den Betrachter wirken. Die Bilder von Philipp M. Günther sind von einer Beschaffenheit, die sowohl die Empfindung als auch den Intellekt des Betrachters anspricht.

Dr. Helmut Orpel, Kunsthistoriker und Fachjournalist
Mannheim




2006


Ein lebendiger Energiefluss, der im Bild zur Form gerinnt
- Malerei und Plastik von Philipp Maria Günther -

Malerei und Philosophie liegen für den Maler Philipp Maria Günther nahe beieinander und stellen zwei Seiten ein und derselben Medaille dar. Seine Werke sind als Resultate einer Recherche zu verstehen, bei der es darum geht, mit den Mitteln der Malerei existenziellen Fragen nachzuspüren, wie sie von den großen Philosophen gestellt wurden. Was ist der Mensch, im Strudel der Zeit? Was können wir überhaupt mit unserem Denken und Wahrnehmen erkennen? Wonach soll der Mensch sich richten?
In verschiedenen Zyklen, die in den letzten fünf Jahren entstanden sind, spielen solche Gedanken eine ausschlaggebende Rolle. Sie manifestieren sich in Titeln, die, wie beispielsweise „Pars pro toto“ oder „Gutsein, Schlechtsein“, über ihren eigentlichen Inhalt hinausweisen.
Die Titel sind der rote Faden, an dem sich der Maler über die verschiedenen Stadien des Bildaufbaus hinweg orientiert. Dabei bleibt er sich aber immer bewusst, dass gute Bilder sehr unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten besitzen, die weit über die gedankliche Vorgabe des Titels hinausgehen und deshalb für unterschiedliche Erfahrungshorizonte offen sind.
Der Malprozess besteht für Philipp Maria Günther vor allem darin, die gedankliche Tiefe auszuloten, die mit dem Titel eines Werkes vorgegeben ist, um daraus sukzessive zu den Schritten zu gelangen, die dazu führen, dass die Idee zu einem Bild seine materielle Gestalt erhält. Ist Günther erst einmal an diesem Punkt angelangt, dass er mit der Arbeit auf der Leinwand beginnen kann, ist der halbe Weg zum Bild bereits gegangen.
Die erste Malschicht ergibt sich meist aus einer skizzenhaften Vorzeichnung, die dann überarbeitet wird. Durch das Abnehmen der noch feuchten Farbe, was im folgenden Arbeitsschritt geschieht, legt er - wie ein Archäologe im Gräberfeld – seine ursprüngliche Vorzeichnung, die sich durch die Farbe verändert hat, wieder frei. Durchbrüche entstehen, durch die der bereits angelegte Untergrund sichtbar wird und die, allein durch ihre provokative Präsenz, neue Impulse für die Weiterentwicklung der Komposition geben. Dieses Wechselspiel zwischen der ursprünglichen Vorgabe und der durch die Farbe hinzugewonnenen Veränderung stellt für den Maler immer wieder eine neue Herausforderung dar, die nach einer Trocknungsphase bereitwillig angenommen wird. Die folgenden Schritte bestehen darin, die unterschiedlichen Schichten, die im bisherigen Malprozess entstanden sind, so miteinander zu verknüpfen, dass sie sich am Ende zu einem organischen Ganzen zusammenfügen.

Es ist interessant und aufschlussreich, Philipp Maria Günther beim Entstehungsprozess seiner Bilder über die Schulter zu schauen. In seinem Atelier hat er auch für große Formate genügend Platz. Man kann feststellen und sieht anhand der verschiedenen Beispiele von Bildern, die sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden, dass für den Maler Schaffen und Zerstören unmittelbar zueinander gehören und sich im Malprozess gegenseitig unterstützen.

Bilder, die aus der Tiefe heraus leben

Kennzeichnend für Günthers Malweise ist die Tatsache, dass er seine Bilder aus der Tiefe heraus aufbaut und die unterschiedlichen Farbschichten so miteinander verbindet, dass sie als Einheit vielfältiger Ebenen miteinander korrespondieren. Ein bildnerisches Werk von Philipp Maria Günther lebt aus der Tiefe heraus, die durch die Komposition hergestellt wird. Am Ende verknüpft sich die Darstellung zu einer solch komplexen Einheit, dass der Betrachter am fertigen Werk noch dem Entstehungsprozess nachspüren kann, der es hervorgebracht hat. Ein Gemälde von Philipp Maria Günther kann somit in zwei Richtungen gelesen werden.
Man kann dem Entstehungsprozess nachspüren und die Konsequenz erahnen, mit der der Maler dem eingeschlagenen Weg folgt, man kann sich aber auch an der Vollendung, am fertigen Resultat erfreuen. Beide Betrachtungsweisen sind in einem Werk von Philipp Maria Günther gleichzeitig vorhanden und sind wie in einem Zauberspiegel ineinander geblendet.

Ein solch komplexer Bildaufbau, wie er bei den Werken von Philipp Maria Günther feststellbar ist, erfordert viel Zeit. In die unterschiedlichen Phasen, die zwischen dem Farbauftrag und dem Trocknungsprozess liegen, fließen immer wieder neue Gedanken, spontane Empfindungen und Impulse in die Weiterführung ein, sodass der Künstler zwar an seiner Idee, die er eingangs mit dem Titel skizzierte, festhält, aber dennoch nicht sagen kann, wie sein Bild am Ende aussehen wird. Malerei ist für Philipp Maria Günther ein lebendiger Fluss von Energie, die letztendlich in den sehr komplexen Kompositionen zu einer Form gerinnt, die fest und dynamisch zugleich ist. Dieses freie Fließen der geistigen Energie soll sich nach Meinung des Künstlers beim Malen möglichst frei entfalten können, nur dann ist Malerei ein geglücktes Zusammenspiel zwischen geistigen Prozessen und handwerklich-künstlerischer Umsetzung.
Zufall und bewusste Steuerung gehen dabei Hand in Hand. Die bewusste Steuerung fängt schon bei der Auswahl der Materialien an, die Philipp Maria Günther einsetzt. So verwendet er zum Beispiel keine Industriefarben, sondern setzt sein Kolorit aus reinen Pigmenten und von ihm selbst kreierten Bindemitteln zusammen. Dieser Einsatz zahlt sich aus, denn am Ende entsteht eine Oberfläche, die äußerst sensibel auf Licht reagiert. Je nach Intensität oder nach Lichttemperatur verändert die Oberfläche ihre Ausstrahlungskraft. Der Farbton, der zunächst eindeutig festzustehen schien, verändert sich immer wieder. Das Werden und Vergehen, das bereits oben im Zusammenhang mit dem Malprozess angesprochen wurde, findet somit seine Fortsetzung in der Wirkung des vollendeten Werkes. Je nach Lichteinfall, verschiebt sich der Charakter um Nuancen, die dem Betrachter immer wieder neue Seherlebnisse ermöglichen.


Dr. Helmut Orpel, Kunsthistoriker und Fachjournalist


2005


Wem die Stunde schlägt

Auch das Jahr 2005 könnte erfolgreich werden. Dies verspricht die Teilnahme an der
„ art innsbruck“, vor allem an der Biennale Internazionale dell´Arte Contemporanea, die am Jahresende auf der traditionsreichen Fortezza da Basso hoch über Florenz stattfindet. Wer dieses Plateau erreicht hat, hat nicht allein einen grandiosen Überblick über die Stadt, sondern auch einen Gipfel der Kunst erreicht. Die Teilnahme gerade an dieser Biennale ist für Philipp Maria Günther seit Jahren eine feste Größe, zumal von hier aus die europäische Malerei ihren Ausgang nahm und Maßstäbe für künftige Künstler-Generationen setzte.

Kunst sei auch, „sich nicht zu verstecken“, Kunst sei grundsätzlich „lebendige Kreativität“, aktive Teilnahme am Leben und Selbstverwirklichung. Die auf diese direkte Weise verwirklichte Ungebundenheit und Freiheit im Umgang mit den Künsten und ihren Konsumenten, sozusagen die Lücke zwischen Geschäft und Freizeit, Business und kreativem Potential will Philipp Maria Günther zur Steigerung der eigenen Lebensqualität sinnvoll füllen.

Seine Werke stellt er zum größten Teil in verschiedenen Arbeits- und Werkateliers des Betriebes her. Teile der umfangreichen künstlerischen Produktion, Gemälde und Plastiken, werden hier wie selbstverständlich ausgestellt. Sie gehören zur Ausstattung der großen Hallen und Büros. Aus diesem Grund kann der Kaufmann und Künstler auch zu Recht betonen: “Die Kunst ist ein Teil meines Stallgeruches“, wobei er wiederholt auf seine selbst entworfenen Denkmäler verweist, die als unübersehbare Markenzeichen des Autohauses gelten: die durch einen gewaltigen Sockel nobilitierten bronzenen Haustiere Kuh, Schwein und Pferd sowie die 2004 errichtete überdimensionale Stahlplastik „Renovare“ am Kreisel zur Mülheimer Hafeneinfahrt. Verharren die realistisch modellierten Tiere in betont ruhiger Pose, so verkünden die drei aufstrebenden Masten mit dem schwebend gehaltenen Netz wie Landmarken das Zusammenspiel von Technik, Licht und Industrie, ein Dreiklang der besonderen Art, bei dem sich, so der Künstler, „Altes und Neues“ überlagern.

Eine andere Sprache sprechen die Gemälde und Skulpturen, die Philipp Maria Günther als seine ureigenen künstlerischen „Lichtblicke“ empfindet. Extreme stehen sich auch hier gegenüber. Glatte abstrahierte Bronzen (Anima) wechseln sich mit geschweißten und rohen Figurationen (Data protection) ab, weiche, spiegelnde Oberflächen werden durch raue und harte Strukturen abgelöst. In diesem permanent praktiziertem Stilpluralismus führen realistische und abstrahierte Tendenzen ihr jeweiliges Eigenleben. Daraus ergeben sich spannungsvolle Momente, zumal hier die menschliche Figur in allen ihren Facetten, seien es kompakte oder durchlässige Formen, im Mittelpunkt steht.

Diese zupackende Haltung parallel praktizierter Stilvielfalt kennzeichnet gleichermaßen die Gemälde. Ganze Werkblöcke monochromer oder durch Gitterwerk und Rechtecke gerasterter Oberflächen sind entstanden. Vogelperspektiven, Ordnungen im Chaos und Grundriss- Muster wechseln sich ab. Jedes Bild ist im besten Sinne des Wortes ein individuell gestalteter Farbraum. Hier dominiert das Vibrieren in flutenden Räumen, dort herrschen Begrenzungen und Liniensysteme vor. Sie beziehen sich auf die historischen Stilmittel des Informel und der Geometrischen Abstraktion, deren Faszination bis heute nachwirkt. Die „Fleckenmalerei“ des Tachismus und die „Sicherung von Spuren“ sind die vielsagenden Begriffe, die jeder Betrachter damals wie heute mit seinen Assoziationen füllen kann, um imaginäre Bildwelten zu entdecken. Diese vieldeutige Offenheit des Bildes aus Farbspuren, Gesten, transparenten Farbschleiern und Pigmentballungen, Übermalungen und Verwischungen kennzeichnet alle diese Bilder. In den Werken soll zuletzt durch spezielle Techniken und Malprozesse ein Abstraktionsgrad erreicht werden, der in seiner Reduktion, wie auch immer geartet, die „Essenz“ der Malerei enthält.

Die betont gegenständlichen, fotorealistischen Bilder wie „Dolce vita“ und „Das Modell“ sprechen eine andere Sprache, zumal sie durch Kunstgriffe wie Ausschnitt und Torsierung, Collagetechnik (Denken wie ein Pferd) und Zitat (Hand zu Faust) ein verstecktes Spiel mit der Kunst und ihren Quellen treiben. Die Kunst besteht hier in der Fixierung von Wort- und Denkspielen (die Hand verweist auf die legendäre Casablanca-Geste), bei denen die Malerei im Zusammenspiel mit der Linie weitgehend ihren Realismus aufgeben kann, ohne darauf verzichten zu wollen.

Dort also, wo der Blick aus der großen Entfernung die „Lichtblicke“ und das „Polarisieren“ ermöglicht, kann er sich verwirklichen. Wem dann, wie Philipp Maria Günther, „ die Stunde schlägt“, der wird Malerei und Skulptur weiterhin mit Ironie, Witz und Lust betreiben.

Gottlieb Leinz Stellvertretender Direktor und Kustos
Wilhelm Lehmbruck Museum